Dr. Binder, Theodor dt. Arzt, Leiter des Schweitzer Urwaldhospitals in Peru


Binder, Theodor
Kurz & Kompakt
Beruf:dt. Arzt, Leiter des Schweitzer Urwaldhospitals in Peru
Geburtstag:24.7.1919
Geburtsort:Lörrach
Geburtsland:Deutschland
Sterbedatum:26.6.2011
Sterbeort:Schwoben
Sterbeland:Frankreich
* 24.7.1919 in Lörrach (Deutschland)
26.6.2011 in Schwoben (Frankreich)

Biographie:

Theodor Binder war ein deutscher Arzt, der von den indianischen Ureinwohners als "yatun papa" (Vater von allen) genannt wird und durch sein Urwaldhospital in Peru bekannt wurde.

Die frühen Jahre

Theodor Binder wurde am 24.07.1919 in Lörrach am Oberrhein, im Dreiländereck Deutschland, Frankreich, Schweiz geboren. Seine Eltern waren mit dem ebenfalls in der Oberrhein-Region beheimateten Urwaldarzt Albert Schweitzer und dessen Frau Helene bekannt. Die Binders unterstützten die Arbeit Schweitzers in Lambarene, die anfangs mit vielen Schwierigkeiten verbunden war.

Nachdem Albert Schweitzer den Aufbau seiner Urwaldklinik in Afrika im Ersten Weltkrieg unterbrechen musste, gab er in der Schweiz Orgelkonzerte, um mit dem so verdienten Geld das Krankenhaus weiter auszubauen. Die Binders besuchten eines dieser Konzerte, das in Lörrachs Nachbarstadt Basel stattfand, und stellten bei dieser Gelegenheit Albert Schweitzer ihren Sohn Theodor vor, damals bereits im Schulalter. Theodor Binder erinnerte sich später noch oft an diese erste Begegnung, die ein Schlüsselerlebnis für seinen weiteren Lebensweg war. Sein Vater, selbst Direktor eines Waisenhauses, erzählte Albert Schweitzer, dass der Junge ein Orgelstudent sei und entschlossen, ein medizinischer Missionar zu werden. [1]

Theodor Binder erinnerte sich daran, zu Albert Schweitzer gesagt zu haben: "Ich möchte werden, was Sie sind", worauf Schweitzer antwortet: "Dann wirst Du lange beten und arbeiten müssen". Doch der junge Theodor Binder hatte damals keine Lust zu beten. Vielmehr liebte er es, Bücher von Karl May und Fenimore Cooper zu lesen. Von dieser Lektüre inspiriert, sagte er zu Albert Schweitzer: "Ich will nicht zu den Schwarzen gehen. Ich will zu den Indianern gehen. " [2] Albert Schweitzer nahm die Ambitionen des Jungen ernst und bestärkte ihn darin.    

Schule und Studium

Das Abitur bestand Theodor Binder am humanistischen Lörracher Hebbel-Gymnasium als Bester seines Jahrgangs. Den verdienten Preis für das Fach Deutsch erhielt er jedoch nicht, da er sich gegen den Boykott jüdischer Geschäfte aufgelehnt hatte. [1] Danach wurde er zum Arbeitsdienst herangezogen. Das 1938 in Freiburg aufgenommene Medizinstudium konnte er erst zehn Jahre später in der Schweiz beenden. Zwischendurch wurde er nach Frankreich und Russland an die Front geschickt. Nach der dritten Verwundung durfte er in die Heimat zurückkehren und sein Studium in Freiburg und Straßburg fortsetzen. Dieses musste er jedoch wieder unterbrechen, weil er zur Arbeit im Sanitätsdienst herangezogen wurde.

Er lernte die sechs Jahre jüngere Carmen Koch kennen, die er 1943 heiratete. 1944 brachte sie den gemeinsamen Sohn Michael zur Welt. Durch seinen Widerstand gegen das Naziregime geriet Theodor Binder ins Visier der Gestapo. Im letzten Moment wurde er vor einer Festnahme gewarnt und floh mit seiner Frau und dem einjährigen Sohn kurz vor Kriegsende in die Schweiz. In Basel nahm Theodor Binder sein Medizinstudium wieder auf. Zudem bildete sich zum Tropenmediziner aus, studierte Amerikanistik, Indianerkunde und Ethnologie. [2],[3] Im Frühjahr 1948 schloss er sein Studium mit einer Promotion ab und durfte sich seitdem Doktor der Medizin nennen. Noch im selben Jahr wanderte Theodor Binder mit seiner jungen Familie nach Südamerika aus und ließ sich in Peru nieder. [3]

Beruflicher Werdegang

Um seinen Plan von einem Urwaldkrankenhaus für die Indianer verwirklichen zu können, legte Theodor Binder in Peru noch einmal alle ärztlichen Examen ab, denn sein Abschluss aus Europa wurde damals in Südamerika nicht anerkannt. Zunächst arbeitete Binder in einer Krankenstation der Franziskanerinnen in Oxapampa sowie in einem Erdölcamp am Rio Pisqui. Dann ging er mit seiner Familie in die Hauptstadt Lima, wo er mit seiner Frau eine eigene Praxis eröffnen konnte. Sechs Jahre lang behandelte das Paar zahlende Patienten. Vom ersparten Geld wollten sich die Eheleute den Traum von einem Krankenhaus erfüllen, in dem sie im Urwald lebende Indianer kostenlos behandeln können.

Bevor sie das Projekt starteten, suchten sie bei ihrem Vorbild Albert Schweitzer Rat. Deshalb begaben sich die Binders 1955 nochmals nach Europa und trafen den berühmten Urwaldarzt in dessen Heimatort Günsbach. Dieser lud Carmen und Theodor Binder nach Lambarene ein, damit sie sich vor Ort ein Bild von den Ergebnissen seiner bisherigen Arbeit und den damit verbundenen Mühen machen konnten. Nach dem zweiwöchigen Aufenthalt bei Albert Schweitzer in Afrika beschloss Theodor Binder, seinem eigenen Urwaldkrankenhaus in Südamerika den Namen des vorbildhaften Freundes zu verleihen.

Gründung des Urwaldhospitals

Mit seinen persönlichen Ersparnissen und ersten Spenden kaufte Binder ein 80 Hektar großes Gelände in der Nähe von Pucallpa im südamerikanischen Urwald. Wie Albert Schweitzer zuvor in Afrika, musst Binder zunächst den Urwald roden lassen, bevor der Bau seines Krankenhauses beginnen konnte.  Ab 1956 praktizierte Theodor Binder bis zur Fertigstellung des Urwaldhospitals in seinem Haus in Pucallpa. Am 14. Januar 1960, an Albert Schweitzers 85. Geburtstag weihte Theodor Binder sein südamerikanisches Urwaldkrankenhaus feierlich ein und verlieh ihm den Namen Hospital Amazónico Albert Schweitzer.  

Mit 28 Betten, einer Küche und einem Speisesaal konnte es die ersten Patienten aufnehmen. Das Einzugsgebiet war rund 45.000 Quadratkilometer groß und die Indianer waren oft tagelang in Booten zum Krankenhaus unterwegs. 1963 war die Zahl der Betten auf 35 angewachsen. [4] Mehr als 80 Kranke trafen täglich im Amazonas Krankenhaus zur ambulanten Behandlung ein. Ein internationales Helferteam unterstützte Dr. Binder bei seiner Arbeit. Neben dem Hospital betrieb er eine Lehrlandwirtschaft, mit Schweinen, Kühen und Rindern, die zum einen der Versorgung des Krankenhauses und zum anderen der landwirtschaftlichen Ausbildung der Indianer diente. Theodor Binder wurde von ihnen "yatun papa" (Vater von allen) genannt.

Das Hospital in der Krise

Mitte der 60er Jahre geriet das Hospital Amazónico in eine schwere Krise, die seine Existenz ernstlich gefährdete. Mit seinen forschen und kompromisslosen Ansichten hatte sich Dr. Binder in Peru und bei den internationalen Hilfsorganisationen offenbar Feinde gemacht. Auch den nach Südamerika geflüchteten Nazis war er ein Dorn im Auge. Es entwickelte sich eine Verleumdungskampagne, die durch einen Anfang 1965 erschienen SPIEGEL-Artikel unterstützt wurde. Überzeugend dargestellte Anschuldigungen, in denen Mitarbeiter von nicht bei der Post abgeholten Hilfsgütern, verdorbenen und vernichteten Medikamenten, verschmutzten Instrumenten und ihrem Schicksal überlassenen Patienten [5] berichteten, führten zu einem Versiegen des Spendengelder-Flusses. Auch von sexuellen Übergriffen Binders auf Mitarbeiterinnen und Patientinnen berichteten verschiedene Zeuginnen. [5] Der mittlerweile 90-jährige Albert Schweitzer verfasste daraufhin vier Wochen vor seinem Tod einen Unterstützerbrief, in dem er sich insbesondere um das Wohl von Binders Frau sorgte. Weitere Freunde und Bewunderer Theodor Binders veranlassten Untersuchungen, die zum Ergebnis hatten, dass alle Anschuldigungen vollständig widerlegt werden konnten.

Eine Indianerin, die von Binder schwanger sein sollte wurde untersucht und war nicht nur nicht schwanger, sondern auch noch Jungfrau. 3.200 Patienten, vor allem Indianer, gründeten einen Verein zur Verteidigung des Arztes. [6] Die Zeitschrift Kristall und die Tageszeitung DIE ZEIT veröffentlichten ausführliche Berichte, die Theodor Binder vollständig rehabilitierten.  Der SPIEGEL musste seinen Artikel widerrufen. Dennoch blieb die negative Berichterstattung im Bewusstsein vieler Menschen haften.

Weitere Projekte

ALs sich die politische Laage in Peru änderte, zog es Dr. Binder vor, das Land zu verlassen. Er schied aus der Leitung des von ihm gegründeten Urwaldhospitals aus, das jedoch weiter fortbestand. Über das erzwungene Ende des Hilfsprojekts in Peru verbittert, dachte Binder jedoch nicht an eine vollständige Aufgabe seines persönlichen Engagements für Indianer. Er ging in sein ursprüngliches Traumland Mexiko, wo sich eine neue Möglichkeit für ihn ergab. Er eröffnete mit seiner Frau auf einer Hazienda ein Ambulatorium, dem ein landwirtschaftlicher Lehrbetrieb für Obst- und Gemüseanbau sowie Kaninchenzucht angeschlossen war. [7] Eine weitere Ambulanz mit Folgeeinrichtungen baute er in Paraguay auf. [3]
 
Aus gesundheitlichen Gründen kehrte Theodor Binder 1987 nach Deutschland zurück eine Praxis für biologische Medizin in Lörrach. Er und seine Frau lebten seitdem abwechselnd in Baden-Württemberg und im Elsass. Dort starb Theodor Binder 2011 im Alter von 92 Jahren in seinem Haus in Schwoben.


Quellenangaben:

[1] Knape, Wolfgang: Mitteilungen – Vereinszeitschrift des Freundeskreises Indianerhilfe – Sonderausgabe 2011, S.5 f.
[2] Wolf, Roland: Albert Schweitzers Erben – Ein weltweites Netzwerk engagierter Freunde und Förderer, Reihe: Beiträge zur Albert-Schweitzer-Forschung Bd. 12 LIT Verlag Berlin, 2018, S. 210 f.
[3] Knape, Wolfgang: Mitteilungen – Vereinszeitschrift des Freundeskreises Indianerhilfe – Sonderausgabe 2011, S.7
[4] Wolf, Roland: Albert Schweitzers Erben – Ein weltweites Netzwerk engagierter Freunde und Förderer, Reihe: Beiträge zur Albert-Schweitzer-Forschung Bd. 12 LIT Verlag Berlin, 2018, S.213
[5] Schweitzer Hospital – Spenden gesperrt, DER SPIEGEL Nr.3 1965, S.65 f.
[6] Dr. Binder ist entlastet, DIE ZEIT, Ausgabe 16, 1965
[7] Wolf, Roland: Albert Schweitzers Erben – Ein weltweites Netzwerk engagierter Freunde und Förderer, Reihe: Beiträge zur Albert-Schweitzer-Forschung Bd. 12 LIT Verlag Berlin, 2018, S.216