Bresslau, Helene Waisenpflegerin, Krankenschwester


Bresslau, Helene
Kurz & Kompakt
Beruf:Waisenpflegerin, Krankenschwester
Geburtstag:25.1.1879
Geburtsort:Berlin
Geburtsland:Deutschland
Sterbedatum:1.6.1957
Sterbeort:Zürich
Sterbeland:Schweiz
* 25.1.1879 in Berlin (Deutschland)
1.6.1957 in Zürich (Schweiz)

Biographie:

"Ihm hatte sie ihr Leben geweiht" [1]
Helene Schweitzer-Bresslau: Die Frau an der Seite Albert Schweitzers

"Wie heute die Fotographen wird später die Nachwelt sie immer nur von hinten sehen." Dieses Zitat des französischen Autors Gilbert Cesbron, zeugt von der zukunftsgerichteten Lebensführung Helene Schweitzer-Bresslaus. [2] Die am 25. Januar 1879 in Berlin geborene  Tochter des Historikers Prof. Harry Bresslau und seiner Frau Caroline, verbrachte den Großteil ihrer Jugend in Straßburg (Elsass), da ihr Vater dort eine Anstellung als Universitätsprofessor angeboten bekam und die gesamte Familie mitzog. Die intelligente junge Frau führte ihre Ausbildung nach Abschluss der Schule durch das Lehrerinnenseminar an der Lindner-Schule fort, das damals die einzige Möglichkeit für Frauen darstellte, eine höhere Bildung zu erlangen. Aufgrund ihres großen Einsatzes konnte sie eine Sondergenehmigung erwirken, dank derer sie schon mit 17 Jahren die Prüfung für Lehrerinnen an Höheren Schulen ablegen konnte und zu den Studien für Klavier, Gesang und Musiktheorie am Straßburger Konservatorium zugelassen wurde. [3] Im Frühjahr 1900 ließ sie ihrer akademischen Karriere ein Studium der Kunstgeschichte und Geschichte an der Kaiser Wilhelm Universität folgen. Mit dem Besuch der Vorlesungen ihres Vaters und Friedrich Meineckes wurde sie zu einer der ersten Frauen, die an dieser Einrichtung studierten. [4]

1898 kam es schließlich auf einer Hochzeitsfeier zu jener schicksalshaften Begegnung mit Albert Schweitzer, die im Folgenden ihr Leben stark verändern sollte. Schnell entwickelte sich zwischen den beiden eine innige Freundschaft, die sich durch die Korrekturen der ersten Bücher des jungen Schweitzer intensivierte. [5]

Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Großbritannien und ihrer Rückkehr nach Straßburg arbeite ehrenamtlich als Waisenpflegerin. Begleitend nahm sie an einem Krankenpflegekurs teil. Nach dreijähriger Tätigkeit als Waisenhausinspektorin gründete sie in Straßburg ein Heim für alleinerziehende Mütter. [2]

In dieser Zeit verfestigte sich die Beziehung zu Albert Schweitzer immer mehr. Sein Beschluss, Medizin zu studieren stieß bei vielen seiner Bekannten auf Unverständnis. Helene aber brachte ihm dafür Bewunderung entgegen und forcierte ihre Kenntnisse als Krankenschwester, um ihn in seiner zukünftigen Tätigkeit unterstützen zu können.[1] Was ihr Albert Schweitzer am 1./2. Juni schreibt, wird zum Beginn eines gemeinsamen Projektes, das Helene Bresslaus Leben fortan bestimmen sollte: "Ich denke nämlich, daß ich vielleicht eines Tages eine große Aufgabe zu erfüllen haben werde, bei der ich Dich brauche- und Dich einfach bitten werde, auf demselben Gebiet zu arbeiten wie ich- und daß es uns vielleicht vorbehalten ist, gemeinsam für dieselbe Sache zu arbeiten". [6]

Mit der Heirat 1912 schwor sie vor Gott, was sie für sich schon längst beschlossen hatte: Sie wollte diesem Mann ihr Leben widmen und ihm in allen Belangen zur Seite stehen. Diese Hingabe zeigte sie als seine Assistentin in Andende, wo der Arzt sein erstes Spital baute, sowie als liebevolle Gattin und später Mutter seiner Tochter Rhena. [1]

Der 1. Weltkrieg, sowie die darauffolgende Gefangenschaft in Garaison in den Pyrenäen und in St. Rémy in der Provence beeinträchtigten ihre Gesundheit in hohem Ausmaß. Dennoch brachte sie 1919 als fast 40-jährige Frau eine gesunde Tochter zur Welt, die nach dem Tod ihres Vaters die Leitung des Hospitals noch für einige Jahre übernehmen sollte.  Die kommenden Jahre wurden zur Zerreißprobe für die junge Familie: Albert Schweitzer wurde schwer krank und musste zwei Operationen über sich ergehen lassen. Zu der schlechten Gesundheit kamen hohe Schulden und 1922 erkrankte Helene unter Tuberkulose, so dass sie ihren Mann nicht nach Lambaréné zurückbegleiten konnte. Auch die Erziehung der Tochter wurde für die todkranke Frau zur Bürde, obwohl sie Rhena aus ganzem Herzen liebte. Sie brachte das größte Opfer ihres Lebens, indem sie ihren Mann, für den die Arbeit immer an erster Stelle stand, ziehen ließ und selbst, aus weiter Entfernung zu ihm, für seine Stiftung tätig wurde. Sie hielt Vorträge und erreichte einen großen Kreis einflussreicher Männer, die später die Albert Schweitzer-Fellowship gründen sollten. [1]

Die folgenden Jahre verbrachte sie mit Rhena in ihrem Haus im Schwarzwald, bis sie 1933 nach Lausanne zogen, wo Rhena ihr Abitur machte. Ab 1940, als der zweite Weltkrieg Europa fest in den Fängen hatte,  wohnte Helene Schweitzer Bresslau mit ihrer Tochter, deren Ehemann, dem Orgelbauer Jean Eckert und ihrer Enkelin im unbesetzten Teil Frankreichs. [7]

1947 reiste sie aber nach Lambaréné zu ihrem Mann. [8] Ihre wiedergewonnene Gesundheit erlaubte es ihr, dort einige Jahre an der Seite Albert Schweitzers zu verbringen, bevor sie ihn 1949 auf seine Reise in die USA begleitete. [9] Ebenso war die stolze Gattin 1954 an seiner Seite, als er in Oslo den Friedensnobelpreis entgegennahm. [3]

Helene Schweitzer-Bresslau verstarb am 1. Juni 1957 in Zürich. [10] Ihre Asche wurde nach Lambaréné gebracht und auf dem Friedhof in Lambaréné beigesetzt. [11]

Ihr Wirken ist noch heute auf der ganzen Welt spürbar. Nicht nur ihr Einsatz in Lambaréné, auch ihr Engagement für die ledigen Mütter in der Schweiz, legten Grundsteine für die moderne Sozialfürsorge. In den 78 Jahren ihres Lebens hat Helene Schweitzer Bresslau viel durchlitten, aber auch viel für die Stellung der Frau in der Gesellschaft getan. Es war ein Leben für ihren Geliebten, es war ein Leben für ihre Tochter, ein Leben für ledige Mütter und ein Leben für Lambaréné. [12]


Quellenangaben:

[1] Schweitzer-Miller, Rhena: Helene Schweitzer. AISL, 2015 (www.schweitzer.org)
[2] Mühlstein, Verena: Helene Schweitzer Bresslau – ein Leben für Lambarene, Verlag C.H.Beck, München, 1998
[3] Marxsen, Patti M.: Helene Schweitzer – A Life of her Own, Syracuse University Press, 2015, S.4.
[4] Marxsen, Patti M.: Helene Schweitzer – A Life of her Own, Syracuse University Press, 2015, S.150.
[5] Marxsen, Patti M.: Helene Schweitzer – A Life of her Own, Syracuse University Press, 2015, S.25
[6] Bresslau, Helene; Schweitzer, Albert: Die Jahre vor Lambarene, Briefe 1902-1912, Verlag C.H.Beck, München, 1992. Umschlagklappe vorne.
[7] Mühlstein, Verena: Helene Schweitzer Bresslau – ein Leben für Lambarene, Verlag C.H.Beck, München, 1998. S.10.
[8] Mühlstein, Verena: Helene Schweitzer Bresslau – ein Leben für Lambarene, Verlag C.H.Beck, München, 1998. S.251.
[9] Marxsen, Patti M.: Helene Schweitzer – A Life of her Own, Syracuse University Press, 2015, S. xix.
[10] Marxsen, Patti M.: Helene Schweitzer – A Life of her Own, Syracuse University Press, 2015, S.3.
[11] Mühlstein, Verena: Helene Schweitzer Bresslau – ein Leben für Lambarene, Verlag C.H.Beck, München, 1998. S.270.
[12] Fleischhack, Marianne: Helene Schweitzer – Stationen ihres Lebens – Einblick in das Leben einer Frau, der es gegeben war, sich selbstlos und aufopfernd einem grossen Werk der Nächstenliebe hinzugeben, 4. Aufl., Evangelische Verlagsanstalt Berlin, Berlin 1966